Ist Kriege führen menschlich?

In allen Diskussionen über Gewalt und Krieg kommt früher oder später die siegesbewusste Aussage, dass "das" nun mal in der menschlichen Natur läge, der Mensch hätte schon immer Kriege geführt, es läge in seinen Genen, es sei eben einfach typisch, und daran sei nichts zu ändern. Abgesehen davon, dass somit alle konstruktive Diskussion im Keim erstickt wird, wird dennoch komischer Weise davon ausgegangen, dass "was immer war" auch "immer sein wird" - aber wer behauptet denn das? Wenn ich einen Menschen jeden Tag schlage, kann ich mich doch eines Tages entscheiden, dies ab HEUTE nicht mehr zu tun?
Aber dennoch - ich finde, dass man es sich sehr leicht damit macht, wenn man behauptet, dass Kriege führen eben menschlich sei. Woher der Glaube? Jahrhundert-alte Geschichte hätten uns nun genug Zeugnis über die dunkle Vergangenheit der Menschen geliefert? Selbst die Höhlenmalerein von vor mehreren tausend Jahren belegen die Agression und Gewaltbereitschaft unserer Vorfahren. Doch war das wirklich immer so? Was ist zum Beispiel mit den vielen friedliebenden Völkern dieser Welt? Kleine Gesellschaften wie die der Muria, der Madihá, der Pygmäen, der Trobriander oder auch die der Aboriginies führten keine Kriege, kannten größere Ausmaße an Gewalttätigkeit nicht, lebten schlichtweg friedvoll und glücklich... Der amerikanische Wissenschaftler James DeMeo hat herausgefunden, dass die menschliche Destruktivität mit dem Patriarchat auf die Welt kam. Es gibt keinen klaren Beleg für die Existenz patristischer Kulturen von 4000 v. Chr. - aus dieser weit entfernten Vergangenheit unserer Menschheitsgeschichte seien lediglich "einfühlsame und naturalistische Kunstwerke aus Felsenwänden und Töpfereien, wobei bevorzugt Frauen, Kinder, Tanz, Tiere und die Jagd dargestellt wurden" - keine archäologischen Befunde gäbe es allerdings für Chaos, Kriege, Sadismus und Brutalität. Auch bild von www.paedie.deder Übergang vom Matrismus (Weltfrieden?!) zum Patrismus (Welt-Verwüstung?) geschah nicht einfach ohne Grund oder vielleicht doch durch den angeblich "urisch" menschlichen Egoismus des Menschen. Im Gegenteil Habgier und Besitz und somit Neid und Anlässe zur Feindschaft waren der "alten Welt" gänzlich unbekannt. Das Tauschen von Schmuck und anderen wertvollen Gegenständen diente lediglich der Kommunikation, des Pflegens von interkulturellen Beziehungen. (Vergleich dazu: Karl Polanyi: The Great Transformation) Nein, nicht das Böse im Menschen trieb ihn zu Raub und Krieg - sondern die nachweislich um 3500 v. Chr. auftretenen Veränderungen der Umwelt - nämlich die der Wüstenbildung. Dürrekatastrophen und die daraus resultierenden Hungersnöte verursachten den Zusammenbruch der sozialen und Familienbindungen über Generationen hinweg. Wenn es ums nackte Überleben geht gilt wohl fast überall das Recht des Stärkeren. Es kam zu einer konsequenten Entwicklung patristischer Haltungen, Verhaltensweisen und sozialen Institutionen (hier traten dann auch erstmals (!) die Trennung von Mutter und Kind auf, sowie Gewaltanwendungen gegenüber Frau und Kind - was zum Beispiel Genitalverstümmelungen anbelangt). Seitdem ist der Matrismus weitgehend verdrängt und der Patrismus hat gesiegt. Hat er?

12.09.2005

 

"Kulturvergleichende Forschungen haben gezeigt, daß Gesellschaften, die Säuglinge und Kinder Traumata und Schmerz zufügen und emotioneller und sexueller Ausdruck unterdrückt wird, neutrotische, gewaltvolle und selbstzerstörerische Verhaltensweisen hervorbringen. Gesellschaften, in denen Kinder und Säuglinge nicht traumatisiert oder sexuelle Regungen unterdrückt werden, die liebevolle und körperliche Zuwendung erfahren, sind ausnahmslos psychisch gesund und gewaltlos." aus: http://www.holis.de/history/saha.php Link&Lesetipps:

+ mehr zur SAHARISMUS-These von James DeMeo

+ Dissertation von DeMeo

Merkmal patristisch (gepanzert) matristisch (ungepanzert)

Säuglinge, Kinder und Jugendliche

weniger Nachsicht, wenig körperliche Zärtlichkeit, traumatisierte Säuglinge, schmerzvolle Initiationsriten, Beherrschung durch die Familie, geschlechtsgetrennte Häuser oder Militär mehr Nachsicht, mehr körperliche Zärtlichkeit, nicht traumatisierte Säuglinge, Fehlen von schmerzhaften Initiationsriten, Kinderdemokratien, Kinderhäuser oder Jugenddörfer ohne Geschlechtertrennung
Sexualität einschränkende Einstellung, genitale verstümmelung, weibliches Jungfräulichkeitstabu, Liebe unter Jugendlichen strikt eingeschränkt, homosexuelle Strebungen, Inzeststrebung plus strenges Tabu, Konkubinat/Prostitution können existieren gestattete und unterstütze Einstellung, keine Genitalverstümmelung, kein weibliches Jungfräulichkeitstabu, Liebe unter Jugendlichen uneingeschränkt und akzeptiert, Fehlen homosexueller Strebungen oder strenger Tabus, Fehlen starker Inzeststrebungen oder strenger Tabus, Fehlen von Konkubinat/Prostitution
Frauen eingeschränkte Freiheit, minderwertiger Status (untergeordnet), vaginales Bluttabu (Entjungferungsblut, Menstruations- und Geburtsblut), keine eigene Wahl des Lebensgefährten, keine Scheidung nach eigenem Willen, Männer kontrollieren die Fruchtbarkeit

mehr Freiheit, gleichwertiger Status, kein vaginales Tabublut, eigene Wahl des Lebensgefährten, Scheidung nach eigenem Willen, Frauen kontrollieren die Fruchtbarkeit

Kultur und Familienstruktur autoritär, hierarchisch, partilinear, patrilokal, lebenslange Zwangsmonogamie, häufig polygam, militärische Gesellschaftstruktur, gewalttätig/sadistisch demokratisch, gleichberechtigt, matrilinear, matrilokal, keine Zwangsmonogamie, selten polygam, kein hauptberufliches (ständiges) Militär, gewaltlos
Religion, Glauben, und Geisteshaltung Mann/Vater-orientiert, Askese, Vermeidung von Lust, Hemmung, Angst vor Natur, hauptberufliche Priester, männliche Schamanen, strenge Verhaltensregeln Frau/Mutter-orientiert, Lust ist erwünscht und institutionalisiert, Spontaneität, Naturverehrung, keine hauptberuflichen Priester, männliche oder weibliche Schamanen, keine strengen Verhaltensregeln

Tabelle 1, übernommen aus: emotion Nr. 10, S. 111; kopiert von: http://www.holis.de/history/saha.php Hervorhebungen durch mich